Bernhard Peter
Kasten in der indischen Gesellschaft, Teil 3:
Varnas und Jatis und viele falsche Vorstellungen

 

Das Wort "Kaste" entspricht keiner indischen Vorstellung, vielmehr ist es aus einer europäischen Bezeichnung für das den kolonialen Eroberern aus Portugal fremde Gesellschaftssystem entstanden.

Es gibt zwei Sorten von "Kasten", Varnas (Farben) und Jatis (Geburtsgemeinschaften).

Zu einfach ist es, eine Jati als eine "Unterkaste" zu bezeichnen. Der Ansatz zur Definition einer Jati ist nämlich ein anderer als der einer Varna. Beides kennzeichnet eine die Mitglieder zusammenschließende und andere Elemente ausschließende Gruppe, aber mit anderen Intentionen und Methoden.

Unrichtig ist es ferner, manche Leute als "Kastenlose" zu bezeichnen – der einzig wirklich Kastenlose ist der europäische Tourist. Es gibt sozial minderprivilegierte Menschen, die nicht einer Varna angehören, das sind die sog. Avarnas, die "ohne Farbe". Aber auch sie haben Jatis, denen sie angehören. Es gibt also Menschen, die in einer Jati sind, aber nicht in einer Varna, aber keine, die in einer Varna sind, aber nicht in einer Jati.

Eine Varna kann viele Jatis haben, aber eine Jati kann – muß aber nicht – einer Varna zugeordnet sein.

Es gibt 4 Varnas, aber über 8000 Jatis.

Die Zahl der Varnas ist festgelegt, die Anzahl der Jatis kann im Zuge gesellschaftlicher Differenzierung weiter wachsen.

Eine Varna, Farbe, ist ein Element der brahmanischen Herrschaftsideologie. Eine Varna bestimmt die soziale, rituelle und wirtschaftliche Privilegierung und unterscheidet die Menschen nach

Wer nicht einer Varna angehört, ist ein gesellschaftlicher Looser, ein Niemand, ein Nichts. Sie werden "Panchamas", Unberührbare oder "Chandalas" genannt, ihre Selbstbezeichnung lautet "Dalits". Mahatma Gandhi nannte sie „Kinder Gottes“, Harijan. Die Unberührbaren werden traditionell als vollständig sittenlos, sozial und rituell chancenlos und vollständig befleckt eingeschätzt.

Gleichermaßen sozial und rituell chancenlos sind die Adivasis (Ureinwohner) und Mlecchas (Fremde).

Von diesen Avarnas ("Farblosen") grenzen sich alle anderen Kasten mit aller Deutlichkeit ab – einer Farbe anzugehören, ist das Mindeste, was man von einem respektablen Individuum erwarten kann. Aber auch hier gibt es wieder solche und solche – die Brahmanen, Kshattriyas und Vaisyas grenzen sich von den Sudras durch rituelle Privilegierung ab – die drei oberen Kasten sind Dvijas – Zweimalgeborene. Die Zweimalgeborenen heißen so, weil sie neben ihrer körperlichen Geburt auch eine rituelle Geburt erfahren haben. Nur die drei Varnas der Zweimalgeborenen haben Zugang zu brahmanischer Unterweisung, brahmanischen Ritualen und brahmanischer Erkenntnis, was sie als eigentliche "gute Gesellschaft" weit von den Sudras abhebt.

Eine Jati dagegen ist eine Geburtsgruppe. Eine Jati faßt Menschen mit ähnlichem Beruf und ähnlichem Lebensstandard zusammen und bestimmt das Leben der Mitglieder insoweit, als die Zugehörigkeit zu einer Jati Beruf, Lebensstandard, Kreis der Heiratspartner etc. vorzeichnet. Eine Jati hat eine eigene Autorität, den Kastenrat, dessen Beschlüsse Verbindlichkeit für die Mitglieder haben. Eine Jati grenzt sich durch eigene Traditionen wie z. B. Entstehungslegenden von anderen Gruppierungen ab. Eine Jati ist also eine

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© Text, Graphik und Photos: Bernhard Peter 2005
Autor: Bernhard Peter, Im Schenkelsberg 8, 56076 Koblenz
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