Bernhard Peter
Kasten
in der indischen Gesellschaft, Teil 5:
Individuum und Kaste

Prämisse des Kastensystems ist, daß ein Individuum alleine nichts vermag und einer Gruppe angehören MUSS, um im Leben bestehen zu können. Ein Individuum könnte ohne Nationalität existieren, ohne Glauben, aber nicht ohne die Gruppe.
Wir begegnen hier einem Gesellschaftsmodell, das die Menschen weder nach Siedlungsgrenzen noch nach ethnischer Zugehörigkeit gruppiert. Eine Kaste ist eine Berufsgruppe, eine Heiratsgruppe, eine Essensgemeinschaft, eine Rechtsgruppe, eine Ritualgruppe, aber auch eine Prestigegruppe, Wohlstandsgruppe und auch Machtgruppe. Die Grenzen der Gruppe werden bestimmt durch Grenzen der Sprache, Grenzen der wirtschaftlichen Netzwerke, in die die Mitglieder eingebunden sind, sowie durch die Grenzen, bis wohin die Beschlüsse des Kastenrates Beachtung finden. Die Grenzen sind also eher praktischer Natur, sodaß durch eine Jati für ein Individuum ein überschaubares soziales Milieu entsteht. Das Individuum büßt viele Freiheiten ein, etwa die der Berufswahl oder die der Partnerwahl, ganz zu schweigen von der Freiheit zu bestimmen, welche Leute man zum Essen einlädt. Viele Entscheidungen werden dem Einzelnen abgenommen. Verhaltensvorgaben bestimmen sein Leben. Auf der anderen Seite gewinnt das Individuum viele Sicherheiten, insbesondere wirtschaftliche Art. Durch die Festlegung gewisser Verhaltensweisen, des Heiratsradius, der sozialen Verkehrskreise schützt sich die Jati selbst vor unliebsamen Überraschungen.
Das Wesen dieser Gesellschaftsstruktur ist vor allem, daß nicht der individuelle Erfolg oder Mißerfolg über die gesellschaftliche Stellung entscheidet, sondern der Erfolg oder Mißerfolg einer ganzen Gruppe. Das begrenzt das, was der Einzelne für sich erreichen kann. Auf der anderen Seite schützt es die Gemeinschaft vor Schäden durch zu weit abweichendes Verhalten eines Einzelnen. Die Gesellschaft ist in dieser Hinsicht risikoavers, stellt die Stabilität des Systems weit über die freie Entfaltung des Einzelnen. Der Einzelne kann niemals die Schranken der Gesellschaft alleine überwinden. Die Stellung, in die jemand geboren wird, ist wie zur Zeit der Upanishaden die Folge des Karmas des vorangegangenen Lebens. Die Kaste, in die man hineingeboren ist, kann man in seinem gegenwärtigen Leben nicht wechseln. Jede noch so hervorragende Lebensweise verhilft einem nicht dazu. Vielmehr kann und muß sich einer nur so verhalten, wie es dem in seiner Kaste üblichen Rahmen entspricht. Wie wir weiter unten sehen können, ist durchaus Veränderung möglich, dies geschieht aber über Generationen und niemals auf die schnelle, dies geschieht durch ganze Gruppen und nicht durch ein einzelnes Individuum. Weiterhin ist entscheidend, daß der Einzelne nicht an seinen eigenen Leistungen gemessen und entsprechend gesellschaftlich belohnt wird, sondern er Dank und Undank für die Leistungen der ganzen Gruppe erntet. Ferner entscheidet die geburtliche Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe darüber, ob jemand auf der Gewinner- oder auf der Looser-Seite im Leben steht, nicht eigene Taten.
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