Bernhard Peter
Kasten in der indischen Gesellschaft, Teil 6:
Sva-Dharma und Karma als stabilisierende Elemente für die Gesellschaftsordnung

Im Gegensatz zu uns, die wir dem westlichen Modell der individuellen Selbstverwirklichung folgen, hat ein Mitglied des Kastensystems keine Ambitionen, die ihm vom Schicksal auferlegte Bestimmung in diesem Leben gegen die herrschende Ordnung zu verlassen und sich "gewaltsam" Zugang zu Höherem zu verschaffen. Er weiß, daß ihm mit der Geburt in eine bestimmte Varna und/oder Jati ein bestimmtes Sva-Dharma auferlegt wurde. Sva-Dharma heißt hier individuelle Rechte und Pflichten als Kastenmitglied, Verhaltensmuster, soziale Identität, sein für ihn geltendes Gesetz, ein kleiner Ausschnitt aus dem Gesamt-Dharma der Welt. Jede Kaste hat ihren eigenen Dharma. So gelten für die oberste Kaste, die Brahmanen, sehr viel strengere Vorschriften, was das Essen, die Reinheitsgebote oder die religiösen Handlungen anbelangt, als dies etwa bei den Sudras der Fall ist. Er weiß, daß sich seine Hoffnung auf ein besseres und höheres Leben nur in der nächsten Existenz erfüllen kann. Die Voraussetzung dafür ist aber positives Karma, welches er nur dadurch erwerben kann, daß er die für seine Kaste geltenden rituellen, sozialen und beruflichen Regeln einhält. Verletzung dieser Vorschriften würde negatives Karma bedeuten, keine gute Ausgangsbasis für eine gute Geburt im nächsten Leben. Wenn er aber die seiner Kaste auferlegten Vorschriften im Rahmen des Gestaltungsspielraumes übererfüllt, wirkt sich positives Karma auf sein Schicksal im nächsten Leben aus. Die Stellung, in die jemand hineingeboren wird, ist wie zur Zeit der Upanishaden die Folge des Karmas des jeweils vorangegangenen Lebens. Man mag an Wiedergeburt glauben oder nicht – genau diese Vorstellung stabilisiert das System ungemein, denn was gibt es für eine größere Strafe für den, der gerne aufsteigen möchte, als eine niedrigere Existenz im nächsten Leben? Bei dieser inversen Perspektive wird der Einzelne gezwungen, sich in sein Schicksal zu fügen und jede Störung der Ordnung zu vermeiden. Erlösung ist Befreiung von karmischer Bindung, Befreiung vom Zwang der Wiedergeburten. Erlösung ist damit auch Überwindung dieser Sozialordnung. Dadurch, daß das zukünftige Schicksal in die Verantwortung des Einzelnen gelegt wird, sichert sich das System sozial konforme Menschen. Die Dynamik wird auf die einzelne Seele verlagert, die in verschiedenen Existenzen ganz verschiedene Positionen in der Gesellschaft einnehmen kann. Das Rad der Wiedergeburten (Samsara) dreht sich, aber es wirkt wie ausgekuppelt, denn es bewegt nicht wirklich etwas in der Gesellschaft, es schichtet nur um, das Rad der Wiedergeburt dreht sich für die einzelne unsterbliche Seele gemäß dem erworbenen positiven oder negativen Karma, es definiert mit jeder Wiedergeburt ein der neuen Existenz angemessenes Sva-Dharma, aber das Gesamtsystem bleibt. Diese Verlagerung der Dynamik auf die einzelne Seele sichert den Bestand der für unsere Begriffe äußerst starren Gesellschaftsordnung. Soziale Konformität wird quasi durch Versprechungen einer besseren Existenz im nächsten Leben erkauft. Da kann man nur hoffen, daß sich niemand Gedanken darüber macht, was mit der zukünftigen Gesellschaft passiert, wenn alle Menschen in diesem Leben auf einmal nur positives Karma ansammeln würden… Oder nur negatives. Oder fragen wir uns mal ganz ketzerisch, wie lange ein solches Gesellschaftssystem von Bestand wäre, wenn niemand der Betroffenen an Wiedergeburt glaubte?

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