Bernhard Peter
Kasten
in der indischen Gesellschaft, Teil 8:
Begrenzte Dynamik des Kastensystems

Auf den ersten Blick
erscheint das hinduistische Kastensystem sehr rigide. Anderseits
war das System in der Lage, über zwei Jahrtausende stabil zu
funktionieren und vielfältige gesellschaftliche
Herausforderungen anzunehmen und doch zu überleben. Beim
näheren Hinsehen ist das System nämlich dynamisch und
selbststabilisierend zugleich und damit unglaublich
anpassungsfähig. Die Position von Gruppen in der Gesellschaft
ist veränderbar. Das System stabilisiert sich bei jeder
Veränderung durch Aufstieg oder Abstieg ganzer Gruppen wieder
neu. Das System spiegelt auch gesellschaftliche Differenzierung
durch Bildung neuer Jatis wieder. Einzelne Veränderungen oder
Veränderungen, die nur Einzelne betreffen, gehen einfach unter,
genauso wenig wie ein einzelnes Individuum in einem Leben vom
Sudra zum Brahmanen mutieren kann. Das ist der stabilisierende
Effekt. Wenn aber eine ganze Gruppe von einer Veränderung
betroffen ist oder die Veränderungstendenz von einer ganzen
Gruppe getragen wird, reagiert das System das ist der
dynamische Effekt. Wichtig ist: Das geht nicht von heute auf
morgen, sondern im Zeitmaßstab von Generationen.
Was kann Auslöser für
eine Neugruppierung innerhalb der Gesellschaft sein?
- Gesellschaftliche Wandlungsprozesse
allgemein
- Berufliche Differenzierung, Entstehung
neuer Berufe mit der Notwendigkeit zur gesellschaftlichen
Einstufung
- Veränderte berufliche Tätigkeiten
der Kastenmitglieder mit der Notwendigkeit einer
Höher-/Tieferstufung der Gruppe
- Integration zugewanderter
Bevölkerungsgruppen mit der Notwendigkeit der
gesellschaftlichen Einstufung
- Versagen einer Gruppe, kollektive
Vernachlässigung der Pflichten und Regeln, damit Verlust
an Reinheit durch die Gruppe, damit einhergehend Verlust
an Prestige, Macht und mittelbar Einkommen
- Engagement einer Gruppe, kollektives
Bemühen um Übererfüllung ritueller Pflichten, Gewinn
an Reinheit, wirtschaftlicher, politischer, sozialer
Erfolg, damit gesellschaftlicher Aufstieg und Gewinn von
Macht, Reinheit, Ansehen und Wirtschaftskraft
Es gibt verschiedene
Möglichkeiten, wie das ablaufen kann:
- Eine ganze Jati kann ihre Position
innerhalb einer Varna neu definieren, nach oben wie nach
unten
- Eine Jati kann sich spalten und als
zwei neue Jatis weiterbestehen, was der zunehmenden
gesellschaftlichen Differenzierung Rechnung trägt
- Eine Gruppe kann sich von einer Jati
abspalten und mit einer anderen Jati bzw. einer
Abspaltung von einer anderen Jati fusionieren. Z. B. kann
eine erfolgreiche Gruppe sich von einer insgesamt wenig
erfolgreichen Jati lösen und mit einer minder
erfolgreichen Gruppe einer insgesamt höherstehenden Jati
fusionieren zu einer neuen Kaste.
Wichtig ist dabei:
- Die Dynamik der Jati liegt in
ständigen internen Abgrenzungs- und
Ausgrenzungsprozessen begründet
- Veränderung ist durch eigenes
Bemühen bzw. eigenes Versagen möglich, aber nur, wenn
dies nicht von einem einzelnen Individuum oder einer
einzelnen Familie, sondern von einer Gruppe, z. B. einem
Familienverband, getragen wird.
- Der Gewinn oder Verlust von Macht und
Einkommen kommt immer zuerst, dadurch wird eine
höhere/geringere Reinheit erworben, dann wird die
gesellschaftliche Position angepaßt.
- Der Zeitmaßstab für Veränderungen
ist ein langfristiger
- Divergierende Gruppen können sich von
einer Jati lösen, wobei ein entscheidender Einschnitt
die Aufgabe der Autorität des bisherigen Kastenrates
ist.
- Konvergierende Gruppen können
fusionieren, wobei eine wichtige Brücke gegenseitige
Heiraten sind.
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Gesellschaft
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