Bernhard Peter
Kasten in der indischen Gesellschaft, Teil 9:
Die Rolle der Kasten im modernen Indien

In heutiger Zeit kann man eine allgemeine Nivellierung der Schranken wahrnehmen. Unter dem Einfluß von Modernisierung, Alphabetisierung, demokratischen Ideen und dem Vorbild des westlichen Individualismus fallen die Kastenunterschiede auch weniger ins Gewicht als früher. Indien hat im letzten Jahrhundert gewaltige gesellschaftliche Veränderungen erfahren. Insbesondere hat sich Mahatma Gandhi für die Abschaffung der Unberührbarkeit und des hierarchischen Kastensystems eingesetzt. Als selbstverständliche Lebensordnung werden Kasten im modernen Indien daher schon lange nicht mehr wahrgenommen. Moderne gesellschaftliche Organisationsformen vom Fußballclub bis zur politischen Partei funktionieren ohne Kastengrenzen. Die Diskriminierung aufgrund von Unberührbarkeit ist seit 1950 illegal, und die Dalits haben durch »reservierte« Ausbildungs- und Arbeitsplätze bessere Möglichkeiten. Insbesondere in den Städten ist das Leben von Selbstbestimmung und individueller Lebensgestaltung bestimmt, die Eliten sind von Werten des westlichen Mittelstandes geprägt, im städtischen Leben hat das Kastensystem auch keine Grundlage, und in den Dörfern, wo es mal eine hatte, ist diese nicht mehr gegeben. Doch trotz der offiziellen Anstrengungen, eine gerechtere Gesellschaft zu schaffen und für gleichere Chancen zu sorgen, dauert die Diskriminierung auf dem Lande immer noch an. Ferner spielen auch in der modernen Gesellschaft des 21. Jahrhunderts die Kasten noch eine Rolle als nützliches Instrument, als Interessensgruppen, dazu spielen sie noch bei Heiratsbeschränkungen (die Endogamieregel dürfte die letzte und am schwersten zu nehmende Festung des Kastensystems sein) und Festlegung der sozialen Verkehrskreise eine Rolle.

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