Bernhard
Peter
Trekking
im Karengebiet, Nordthailand
Chiang Mai und Chiang Rai sind die Zentren für
Trekking-Touren in die Gebiete der Bergstämme. Unzählige
Agenturen buhlen um die Gunst der Backpacker. Dabei werden die
zwei Seiten des Tourismus unübersehbar. Natürlich sind die
Bergstämme DIE Attraktion. Ethnische Minderheiten mit eigenen
Gebräuchen und pittoresker Kleidung sind immer eine Augenweide,
besonders für den Photographen. Umgekehrt haben sich viele
Dörfer schon so auf den Tourismus eingestellt, daß sie
gänzlich von diesem leben und eigenen Ackerbau mittlerweile
aufgegeben habe. Weit entfernt vom völlig autarken Leben in
schwer zugänglichen Hügeln, leben sie heute weitestgehend von
den Eintrittsgebühren der Touristen, oder von den
Gaben für Portraitaufnahmen. Hier hat die finanzielle
Korrumption durch den Tourismus authentisches Leben nachhaltig
zerstört. Natürlich werden traditionelle Kleider nach wie vor
produziert, sowohl zum Verkauf an die Touristen als auch für den
erhöhten Eigenbedarf führt man die Festtagskleidung doch
täglich den busweise herangekarrten Touristen vor. Aber wo
bleibt authentisches Leben? Unterstützt nicht der Tourist die
Degradation ehemals stolzer Völker, die gut alleine
zurechtkamen, zur Staffage fürs Photo oder zum
Andenkenlieferanten? Besonders schlimm ist das bei den Padaung
dem Volk, das für die künstliche Verlängerung der
Hälse seiner weiblichen Mitglieder mit Messing- oder
Silberreifen bekannt ist. Diese Sitte war eigentlich schon
aufgegeben, wurde aber eigens für die Touristen wiederbelebt.
Körperliche Verstümmelung für das schnelle Geld im Tourismus?
Was hat das noch mit Tradition zu tun? Also daran will man sich
nun garantiert nicht beteiligen. Also sucht man nach
verantwortlichen Trekking-Agenturen, solchen ohne gnadenlose
Vermarktung der eigenständigen Kultur der Bergvölker,
sogenanntes Öko-Trekking, solches ohne Drogen, ohne Kommerz in
den Dörfern. O.k., in diesen Dörfern laufen die Menschen
bestimmt nicht täglich im herausgeputzten Festtagsschmuck herum,
sondern in zerlöcherten T-Shirts, ist die Armut mit Händen
greifbar, ergreifen einen die tatsächlichen Lebensumstände
dieser stolzen und genügsamen Menschen. Man hat den Eindruck,
nicht eine Kulisse vorgesetzt zu bekommen (hinter der abends
vielleicht der Farbfernseher hervorgeholt wird), sondern
tatsächlich die bittere Armut und zugleich die großartige und
gastfreundliche Gesinnung der Völker erleben zu dürfen. Auf der
anderen Seite trägt man in diese selbstgenügsame Lebensform
auch Wünsche hinein, die vorher nicht existierten. Wie lange
noch werden diese Dörfer so leben? Wann werden Wünsche geweckt,
die auch diese in sich geschlossenen Gesellschaften zum Aufbruch
in die Moderne bringen werden?
Ich hatte mich für eine Tour des Eagle-House in
Chiang Mai entschieden. In meiner Unterkunft hatte ich die
Bekanntschaft von fünf weiteren Interessierten gemacht, ein
liebenswertes Team von guter Stimmung und gutem Zusammenhalt,
verläßlich und unkompliziert, genau das Team, mit dem zusammen
ich alles unternehmen würde. Falls Ihr das lest, nochmals ein
Riesen-Dankeschön für Eure Freundschaft und die unvergeßlichen
Tage!
Mit einem Pickup ging es erst einmal in Richtung
Markt, Lebensmittelvorräte einkaufen und Regenschutz, wobei das
eine eher zweischneidige Sache ist. Regenklamotten aus Plastik,
wie weit auch immer geschnitten, sind absolut unsinnig. Durch den
Wärmestau platzt man einfach man ist so oder so
klatschnaß, geregnet oder geschwitzt. Das einzig Sinnvolle ist,
eine Naßgarnitur für tagsüber zu nehmen und eine
Trocken-Garnitur für abends in drei Plastiktüten im Rucksack
vor Feuchtigkeit zu sichern. Naß wird man sowieso. Nun, bei 25
Grad ist das eigentlich auch kein Problem! Der Einkauf von
Lebensmitteln beschränkte sich auf das Notwendigste alles
mußte ja getragen werden! Und irgendwie begrenzt sich das
Gewicht selbst durch die Anzahl der zusätzlich nötigen
Wasserflaschen... Und unser Begleiter verstand es, stets das
maximale aus dem gerade Vorhandenen zu machen, was gerade am Ort
der Unterkunft oder der Rast verfügbar war Kürbisse,
Bambusschößlinge und anderes Gemüse.
Durch das wunderschöne Tal von Mae Rim ging es in
die wolkenverhangenen Berge (Regenzeit!). Erster Halt war an
einer großen Fledermaushöhle, ein großes System ausgewaschener
Stollen und Dome voller Fledermäuse. Danach wurde die Straße
mehr und mehr zu einer Schlammpiste. Pickup und Fahrer erbrachten
Höchstleistungen, um mit kontrolliertem Anlauf die wabbeligen
Schlammwülste auf der Piste ohne allzu vieles Durchdrehen zu
überwinden, so torkelten wir auf breiartigem Untergrund tiefer
und tiefer in die Hügelketten hinein, während hinter und neben
uns der Schlamm in Fontänen hochgeschleudert wurde, nur
unterbrochen von einem geplatzten Reifen, der irgendwo am Wegrand
durch einen mindestens genauso abgefahrenen ersetzt wurde.
Irgendwo an einem Kontrollpunkt sammelten wir noch zwei Träger
für die Lebensmittel- und Wasservorräte ein, dann ging es zu
Fuß weiter. Im Regen wanderten wir bis zum ersten Karendorf
durch tropfnasse Wälder, entlang malerisch gekurvter
Reisterrassen. Im Gegensatz zu den Anbaugebieten in Ebene des
Menambeckens wird hier der Reis nicht einfach weitflächig
eingesät, sondern vorgezogen und als Minipflänzchen
ausgeeinzelt.
Unsere erste Unterkunft war eine Bambushütte direkt
am Fluß. Die Konstruktion ist denkbar einfach: Teakstämme
bilden einen Rahmen aus Pfählen, das Untergeschoß zwischen den
Pfählen ist bei diesen Häusern der Viehstall und die
Abstellkammer. Der Boden der Wohnebene im ersten
Stock wird von Stangen aus Riesenbambus gebildet, der
Fußboden und die Wände bestehen aus flachgeklopften
Riesenbambus-Stücken, das Dach ist bei traditionelleren Häusern
mit Blättern oder Fasermatten bedeckt, bei neueren auch mal mit
Wellblech. Ein luftiges Refugium, durch dessen Wände und
Fußboden ständig ein erfrischender Zug wehen kann, hoch über
der Feuchtigkeit und dem Gekrabbel auf dem Erdboden.
Nach dem Abendessen zogen wir los zu einer Visite
des Dorfes, genauer gingen wir eine Karenfamilie besuchen. Eine
einfache Bambushütte, in der Mitte eine Feuerstelle mit dunkler
Glut, hufeisenförmig drum herum Schlaf- und Sitzplätze
gruppiert. In einem gußeisernen Behälter in der Mitte zwischen
uns brannte ein Feuer aus sehr harzhaltigem Holz mit leuchtender
Flamme, die auf den zerfurchten Gesichtern des Ehepaares spielte
und wilde Schatten auf der Hütte zeichnete. Die Hütte hatte
keinen Abzug, zur Ventilation dienen die vielen Spalten im flach
geklopften Bambus der Wände. Die Karen haben eine vollkommen
eigenständige Sprache und sprechen meistens kein Thai, so daß
wir für die gegenseitigen neugierigen Fragen unseren Führer Bon
als Übersetzer doppelt nötig hatten. Vor allem die technischen
Utensilien erregten größte Bewunderung, z. B. eine
Taschenlampe. Begeistert begriffen beide den Ein-/Aus-Mechanismus
und leuchteten in der Hütte herum. In diesem brutalen Licht
sahen wir erstmals richtig den Dreck auf den Wänden, die
faustgroßen Spinnen etc. Plötzlich saßen wir alle kerzengerade
und verzichteten aufs Anlehnen an der Hüttenwand...
Taschenmesser wurden entsprechend bewundert. Und immer die Frage,
wie lange man in Deutschland für so etwas arbeiten müßte.
Reisschnaps wird in speckigen, fast undurchsichtigen Gläsern
herumgereicht. Und als Hannes seine Digitalkamera auspackte und
erklärte, waren sie vollkommen hin und weg. Nachdem die beiden
mehr und mehr auftauten, äußerte die Dame des Hauses ganz
zaghaft den Wunsch, sie würde jetzt gerne ein paar deutsche
Lieder hören, was uns in arge Verlegenheit brachte, vor allem,
als nach dem gemeinsamen Versuch die Bitte an uns einzeln erging!
Zum Dank für ein einigermaßen überzeugendes (zum Glück kannte
ja niemand das Original!) Freude schöner
Götterfunken erhielten wir dann von ihm karische
Wiegenlieder, ganz zaghaft und mindestens so unsicher wie wir es
waren.
Irgendwann gab man uns zu verstehen, daß auch sie
den Abend recht nett fanden und uns gerne zum Essen einladen
würden. Stolz griff der Herr des Hauses in die undefinierbare
Schwärze über dem Herdfeuer, wo auf einer zweiten Ebene die
ganzen rußigen Kochutensilien lagerten und zog das am selben Tag
frisch erlegte Beutetier hervor. Stolz zog er es heraus und
knallte es uns mit Schwung vor die Füße. Schreck und
Überraschung fuhr uns in die Glieder es war eine tote
kapitale Ratte! Nachdem wir das anfängliche Erstaunen und
Erschrecken erfolgreich überspielt hatten, nahm Bon die Ratte
mit einer langen scharfen Nadel aus und spießte dieselbe durch
den Mund durch die ganze Ratte hindurch und briet sie so am
Spieß über dem frisch entfachten Herdfeuer, während das Fell
mit scharfem Gestank verbrannte. Später brach er die Ratte
weiter auf, um sie auch von innen richtig durchzugaren. Alles war
mit gemischten Gefühlen versunken in den Anblick des
verkokelnden Felles, während jeder mit sich ins Reine zu kommen
versuchte, wie man sich am besten aus der Affäre ziehen könnte.
Bon lachte uns nur an und meinte, wir sollen uns nicht so haben,
taste like chicken! Das sagte er im übrigen bei
allem, so auch bei dem Dog meat, das er uns mal zum
Probieren vorsetzte. Die fertige Ratte wurde mit allen Knochen,
mit Haut und verkokelten Haaren auf einem Holzbrett mit dem
Hackmesser tok-tok-tok in handliche Stücke gehackt und
herumgereicht. Bei einigen von uns siegte die Neugier, beim Rest
das Mogeln. Ein erlebnisreicher Abend!
Der Waschplatz befand sich auf der anderen Seite des
Flusses, zugleich der dörfliche Brunnen, direkt neben einem
malerischen Seerosenteich. Mit Eimern wird das Wasser
emporgezogen. Es ist gar nicht so einfach, sich dort
einigermaßen gesittet zu duschen, während die Frauen des Dorfes
frühmorgens eine nach der anderen ihr Wasser holen gehen.
Eigentlich war ich ständig am Eimerhochziehen, immer mal wieder
einen für mich, dann wieder für das Dorf etc.
In den Erdgeschoßräumen der Häuser
wartet das Vieh darauf, zur Tagesroutine entlassen zu werden.
Gegenüber eine Wasserbüffelmutter mit Kalb; beide lassen sich
genüßlich von einer auf ihnen herumkletternden Hühnerfamilie
Ungeziefer aus dem Fell suchen, genüßlich sich rekelnd und jede
überflüssige oder gar schnelle Bewegung sorgfältig vermeidend,
eine Allegorie der phlegmatischen Ruhe. Selbst die Glocken des
Wasserbüffel und Elefanten sind aus Bambus gefertigt: Ca. 15 cm
lange Bambusstücke, an einem Querstab sind zwei Außenklöppel
befestigt.
An diesem Tag geht es weiter mit Elefanten. Sie leben frei im Dschungel rings um das Dorf und kommen von selber morgens an, um zu schauen, ob es Arbeit gibt. Während wir morgens einen Rundgang durch das Dorf machten, kam schon der größte Elefant fertig gerüstet mit seinem Treiber majestätisch durch die Furt zwischen Dorf und Reisfeldern gestapft, ein toller Anblick, wie der Riese sich zwischen den winzigen Hütten bewegte. Die beiden kleineren Elefanten trafen von selber ein, und dann begann im Fluß erst einmal das Badefest. Mit größter Wonne tauchten die Elefanten in den Fluß und ließen sich von den Treibern schrubben. Sie wollten gar nicht mehr aufhören zu baden, und erst massige Schläge auf den Kopf mit dem flachen Messer brachten sie zum Einlenken.
Diese Elefanten sind sehr zutraulich und nehmen
Streicheleinheiten gerne entgegen, am liebsten an der spielerisch
alles untersuchenden Rüsselspitze. Für jeweils zwei von uns gab
es einen Elefanten, einer saß auf der hölzernen Howda, einer
rittlings auf dem Kopf. Beim Abmarsch kam das ganze Dorf
zusammengelaufen, man kauerte in typischer Hockstellung am Boden
und schaute neugierig zu, manchmal ein kleines Opiumpfeifchen im
Mundwinkel und ergötzte sich daran, wie dumm sich so Europäer
anstellen. Die Treiber gingen nebenher und steuerten die
Elefanten mit Zurufen, worum dieselben sich aber nur kümmerten,
wenn es sehr ernst klang. Ansonsten nahmen diese jede Gelegenheit
wahr, nach Leckerbissen wie Bambusschößlingen abseits des Weges
Ausschau zu halten, reckten sich über den Wegrand, mit dem
Rüssel nach Zweigen irgendwo über einem Fluß angelnd, während
die eigenen Füße schon irgendwo über dem Nichts schwebten, ein
komisches Gefühl. Beim kleinsten Rascheln obendrüber kommt die
Rüsselspitze mal nach oben schauen, ob man was Eßbares
abstauben könnte, und als ich einmal nicht aufpaßte, hatte ich
den herrlich schlammigen Rüsselabdruck auf der Frontlinse meines
Objektives.
Nach ca. zweistündigem Spazierritt durch ein
malerisches Tal mit vielen Reisterrassen bei bestem Sonnenschein
geht es zu Fuß weiter ins nächste Dorf, malerisch an einem Hang
gelegen. Kurz vorher holt uns der Regen wieder ein, unser
treuester Begleiter beim Wandern! Für das Mittagessen sind wir
zu Gast im Haus des Dorfvorstehers, ein sehr geräumiges Holzhaus
mit zwei Zimmern rechts und links der dazwischen hochführenden
Treppe. Den Damen kann man beim Weben zuschauen, der Webstuhl ist
denkbar einfach: Das untere Widerlager wird auf dem Schoß
gehalten, das obere Widerlager ist ein Querstock, der an der Wand
eingehängt wird, mit den Füßen drückt man sich ab und hält
das entstehende Stoffstück auf Spannung. Einfache rote
Webtücher mit kleinteiligen Ornamenten entstehen, nur bei der
Farbauswahl ist man leider nicht so sehr auf harmonische
Naturfarben bedacht, ein zu grelles Pink stört empfindlich die
Harmonie des Bildes.
Danach marschierten wir weiter zum dritten Dorf, das
wir am späten Nachmittag erreichen, klatschnaß geregnet und
geschwitzt. Dieses ist das primitivste Dorf der ganzen Tour, ohne
eigene Wasserstelle. Wir werfen unser Gepäck in die Hütte, wo
wir übernachten werden, und laufen zum Fluß herunter. Den
ganzen Weg über hatten wir unseren Führer Bon im Scherz
genervt, wann wir uns denn mal im Wald was Anständiges zum Essen
jagen würden oder ob es wieder nur Ratte gäbe. Das aufgreifend,
hatte er sich nun im Dorf eine alte Flinte ausgeliehen, einen
handgefertigten Vorderlader aus dem letzten Opiumkrieg. Offiziell
ist der Waffenbesitz natürlich besonders in dieser
Region! illegal, aber jeder Mann im Dorfe, der auf sich
hält, besitzt noch diese alten Dinger, benutzt sie zum Jagen
oder trägt sie beim Bewachen der Reisfelder mit sich herum. An
einem abgelegenen Platz nahe des Flusses probieren wir ein
bißchen aus, was so in diesen Eigenbau-Schrotflinten steckt.
Besonders umständlich ist das fachgerechte Stopfen mit losem
Pulver aus der Flasche, Werg und Schrotkugeln mit Hilfe eines
langen, dünnen Stabes, der normalerweise unter dem Lauf
befestigt ist. Der Krach ist jedenfalls beeindruckend, unsere
Treffsicherheit nicht. Danach geht es zum Baden in den schnell
fließenden Fluß. Die Strömung ist enorm, man kann sich beim
Waten kaum am Platz halten. Andererseits ist man nur bei großer
Strömung relativ sicher vor Parasiten im Wasser wie Zerkarien.
Erfrischt geht es wieder hoch ins Dorf zurück, und
nach dem Berganstieg und dem Dorf-Schlamm, durch den wir in
Badelatschen glitschen, wäre man eigentlich schon wieder reif
für den Fluß. Das Dorf ist insgesamt sehr primitiv und
schmuddelig. In einigen Dörfern gibt es wenigstens ein separates
Toilettenhäuschen von zweifelhaftem Hygienestatus, hier noch
nicht einmal das. Toilette ist der Dschungel. Aber ein Problem
mit Hinterlassenschaften gibt es dennoch nicht, wie zwei aus
unserem Team zu ihrem grenzenlosen Schrecken erfahren haben
die Hose war noch nicht wieder am Platze, da war das
Problem schon von den Hunden des Dorfes gelöst! Und dazu der
hoffnungsvolle Blick der Köter nach oben, obs heute wohl
noch mehr Leckereien gibt? Wenn das Problem nicht die Hunde
lösen, dann die Schweine. Bon erzählte uns von einer anderen
Gruppe, wo ein englisches Mädchen die Hosen vorher im Baum
aufgehängt hatte, ihr passierte dasselbe mit einem Schwein,
worauf sie schreiend so, wie sie war, ins Dorf zurückrannte, zum
unglaublichen Vergnügen der Bewohner!
Überhaupt staunen wir über uns selber, wie egal
einem nach zwei Tagen Dschungel bereits einfachste Hygiene wird.
Hätte uns vorher jemand gesagt, wie barfuß wir durch welchen
Schlamm oder durch welche Gewässer waten, wo wir baden und uns
waschen werden, in welch dreckig-nasse Klamotten man am nächsten
Tag wieder steigt - man hätte diese Vorstellung entrüstet von
sich gewiesen. Aber in der Realität paßte man sich mit
einfachster Selbstverständlichkeit dem Dorfleben an.
Auch in diesem Dorf sieht man wieder die
charakteristischen Stampfer der Karen: Ein Trog mit einer Wippe,
das eine Ende wird mit dem Fuß bewegt, das andere Ende trägt
den Stampfer und schlägt in den Trog.
Dieses Dorf ist fast total von der Außenwelt
abgeschnitten, es gibt kaum Kontakt mit anderen Dörfern
desselben Volkes. Obwohl man in wenigen Stunden zu Fuß
Nachbardörfer erreichen könnte, man bleibt weitgehend unter
sich. An Schule für die Kinder ist natürlich überhaupt nicht
zu denken, sie wachsen fast ohne Spielzeug auf, nur ein paar
selbstgebaute Stäbe mit zwei kleinen Rollen am unteren Ende
konnten wir entdecken. Die meisten Heiraten werden innerhalb des
Dorfes selbst vereinbart; vom nächsten Dorf trennt selbst schon
wieder eine Dialektgrenze.
Die meisten von uns wurden übel in der Nacht
zerstochen es gab keine Moskitonetze in dieser Hütte. Der
Dschungel ist nachts eine faszinierende Geräuschkulisse,
angeführt wird der Lärm von den Zikaden, dazu in einiger
Entfernung das Heulen der Gibbons, dazu ab allerfrühestem Morgen
das Gekrähe der Hühner direkt unter dem hauchdünnen
Bambusboden, was bei einigen von uns doch erstaunlich
realistische Mordlust entfacht.
Unser Waschplatz am nächsten Morgen ist eine
Schüssel auf der Veranda mit trüber Brühe, die die Frauen des
Dorfes mit Bambusbehältern aus dem Fluß für uns hochgeholt
haben. Beim Zähneputzen schaue ich versehentlich mal nicht nach
unten und treffe eines der dunkelgrauen Hausschweine, an dem
sofort die vielen Ferkel hochklettern wie Mami, was hast Du
für komische Flecken auf dem Rücken?. Zum Brüllen!
Es geht am folgenden Tag weiter durch noch tieferen
und einsameren Dschungel als bisher, über steile Hügelketten
mit faszinierenden Ausblicken auf den Berg-Regenwald. Begleitet
vom Heulen der Gibbons in der Ferne kämpfen wir uns die Hügel
hoch, bald am Zerfließen unter unseren Rucksäcken, Ab und zu
sehen wir Wanderameisen, Tausendfüßler, Termiten, schönste
Schmetterlinge, oder eine eingerollte braune Schlange in einer
Baumhöhle, oder mal eine, die in größter Eile über den Weg
schoß. Eher unangenehme Begleiter sind die Lisch,
die Blutegel. Sie können sich extrem dünn machen und selbst
durch Schnürsenkelösen den Weg in den Schuh finden. Beste
Vorbeugung ist immer noch, die Strümpfe über die Hosen zu
ziehen und ein Band außen herum zu binden. Oben auf den Hügeln
finden sich Felder, auf denen Bergreis (Klebreis) angebaut wird,
erfolgreiche Umwandlung ehemaliger Schlafmohnfelder. Mitten in
einem solchen Feld machen wir in einem einsamen Bambusunterstand
Mittagspause im Regen und essen in Bananenblätter eingeschlagene
Reispaketchen aus dem letzten Dorf. Der Weg führt nun immer
steiler bergab bis zu einem Fluß. Durch filigrane Bambushaine
geht es abwärts, in schönster Graphik zeichnen sich die Wedel
des Riesenbambus gegen den azurblauen Himmel. Paradiesisch an
einer Flußbiegung gelegen finden wir unsere nächste Hütte, ein
idyllisches Camp direkt am Flußufer, wo uns alle nur der Wunsch
beschleicht, hier noch eine Woche verbringen zu dürfen. Es ist
sauber, geräumig, mit guten Moskitonetzen alles bestens.
Aber am allerbesten gefällt uns der schnell strömende Fluß
nach dieser Tour einfach von der Bambusbrücke
reinspringen und treiben lassen!
Abends bekommen wir Besuch von den Floßbauern, die
mit uns den Abend am Lagerfeuer verbringen, aber dann mit ihren
alten Vorderladergewehren wieder losziehen, um die Felder zu
bewachen, wohin sie nochmal eine Stunde unterwegs sein werden. Im
Schein von Kerzen und Lagerfeuer fliegen uns zwei große
Gottesanbeterinnen zu. Wir füttern sie mit Heuschrecken und sind
begeistert, wie reflexartig die Greifarme vorschnellen und wie
schnell die Heuschrecke verputzt ist. Nur mit der Intelligenz im
Umgang mit Kerzen hapert es wie magisch angezogen klettert
die eine Mantis immer wieder von neuem an der Kerze hoch und
langt trotz schmerzlicher Erfahrungen immer wieder von neuem in
das flüssige Wachs.
Unser Führer Bon (24) führt uns auf unsere Bitten
hin abends ein paar Basistechniken des Kickboxens vor. Vom Typ
her ist er der total gelassene und coole Typ, den man eigentlich
nur kräftig unterschätzen kann. Nur der Blick auf seine
Konstitution, seine Muskeln, seine Waden und seine dicken
Schwielen an den Knöcheln lassen seine wahre Kraft und
Beschäftigung erahnen. Und in Krisensituationen,
etwa wenn ein Badelatschen von der reißenden Strömung im Fluß
davongetragen wird, erwacht der geschmeidige Panther in ihm. In
Wirklichkeit, oder sagen wir hauptberuflich, ist er ein
Thaiboxer, der in Chiang Mai kein Unbekannter ist. Für ihn sind
die Wälder ein Lebensraum, in dem er sich frei und sicher
fühlen kann. Denn nicht alle seine unterlegenen Gegner verhalten
sich fair und trennen Wettbewerb und Privatleben. Bon lebt in der
Tat in Chiang Mai wegen seiner persönlichen Sicherheit in einer
Polizeiwohnung. Somit kann sich unser Kickboxer nur in den
Dschungelwäldern unter den Karen, deren Sprache er so sicher
beherrscht wie das Thai, richtig ungezwungen und frei fühlen,
während er sich in seiner eigenen Heimatstadt nicht frei und
ungezwungen sicher fühlt.
In diesem Camp leben zwei ältere Herren, einer 70,
einer noch älter. Auch für diese sind technische
Errungenschaften fast ein Wunder. Als ich mich am nächsten
Morgen am Fluß gewaschen hatte und meinen Rasierer zückte,
stellte er sich ganz erstaunt daneben. Von Stromkabeln hatte er
wohl schon was gehört, aber diese Faszination, daß der Apparat
auch ging, wenn das Kabel lose in der Luft baumelte! Er kam immer
näher, schaute sich alles ganz gespannt an, faßte mal hierhin,
mal dorthin, um den Effekt zu überprüfen, beugte sich unter
mein Kinn, schaute an den Ohren und als ich fertig war,
nahm er all seinen Mut zusammen und bedeutete mir, ich solle bei
ihm weitermachen!
Am selben Morgen wurden zwei Bambusflöße
zusammengebaut. Mit dem Hackmesser werden an den unteren Enden
der Bambusstangen gegenüberliegend rechteckige Öffnungen
geschlagen, ein dünnerer grüner Bambus wird durchgefädelt. Das
eine Ende desselben wird verdreht, bis es aufsplittert und dann
hochgebogen, worauf die Bambusstangen mit den bloßen Füßen
lückenlos gegeneinander gestemmt werden. Dann wird das
gegenüberliegende Ende der Querstange verdrillt, ebenfalls
umgebogen und mit Bambusstreifchen angebunden. Drei weitere
Querstangen werden mit vielen Bambusstreifchen über die Stämme
gebunden, wobei niemals ein echter Knoten gemacht wird, sondern
die Streifchen werden nur verzwirbelt, geknickt und in
Gegenrichtung entspannt. In der Mitte wird noch ein Tetrapode
(ein angeflanschtes Dreieck, dazu die Stützen nach vorn und
achtern in ein in die tragende Stange geschlagenes Loch gestellt)
für die Rücksäcke errichtet, die überstehenden Enden werden
grob abgehackt, und dann trägt uns die Strömung davon. Wir sind
jeweils 5 Personen pro Floß, vorne und hinten stehen die Lotsen
mit ihren langen Stangen. Bambus und echte Mimosen säumen den
Fluß, Äste streifen über unsere Köpfe, Stromschnellen und
Felsen lassen das Ganze zur nassen Angelegenheit werden.
Nach dem Anlanden vor einer unüberwindbaren
Stromschnelle geht es wieder zu Fuß weiter, immer entlang von
Reisfelderbewässerungsgräben. Fast unwillig bemerken wir, daß
der Weg immer mehr zum richtigen Weg mutiert und die Zivilisation
immer näher kommt, bis unser Pickup unvermeidbar vor uns steht.
Nach dem Lunch an irgendeiner Tankstelle, wo wir dankbar unsere
Wanderstiefel vom roten Schlamm befreiten, ging es hoch zum Doi
Inthanon. Der Ausblick von diesem höchsten Berg Thailands aus
ist gewaltig. Obenauf, ein paar hundert Meter unter dem Gipfel,
sind zwei gigantische Pagoden in modernem Stil als Wallfahrtsziel
errichtet, sie strahlen innen den Charme einer Bahnhofshalle und
außen den eines Schwimmbades, wenn das Wasser abgelassen ist,
aus. Ringsum befindet sich ein gepflegter Park, absurd
anzuschauen, mit wieviel Geld und Aufwand hier eine
überflüssige Anlage gepflegt wird, während ringsum in den
Dörfern bitterste Armut herrscht.
Danach geht es weiter zu Thailands zweithöchstem
Wasserfall, dem Vachirathan-Wasserfall. Besonders im Gegenlicht
wird das Tal in einen Hauch schwebender Lichtteilchen getaucht,
der Blick flußabwärts geht auf einen doppelten Regenbogen.
Weiter unten wird noch eine ausgiebige Badepause an einem
weiteren, diesmal breiten Wasserfall eingelegt. Nach dem ganzen
Dreck des Dschungels und den Anstrengungen der letzten Tage ist
es eine Wohltat, sich in einen der natürlichen Whirlpools zu
legen und die Massage des fallenden Wassers zu genießen.
Wir nehmen noch den älteren Herrn aus dem letzten
Camp mit nach Chiang Mai zu seinem Sohn er war mit über
70 Jahren noch nie in einer größeren Stadt! Ihm gehen
äußerlich zwar gelassen, aber im Herzen um so aufgewühlter -
fast die Augen über, als wir uns Chiang Mai nähern und die
Bauten immer größer, die Märkte immer üppiger und die Tempel
immer prächtiger werden.
In Chiang Mai müssen wir uns alle erst langsam
wieder an die Annehmlichkeiten gewöhnen, blickten wir vorher
noch mit gerümpfter Nase auf die Quartiere, erschien es uns nun
wie ein Palast.
Lieber Bon, Ingo, Johannes, Martin, Daniel und
Philip es waren unvergeßliche Tage, ich danke Euch
herzlich für die ausgezeichnete Kameradschaft. Jederzeit würde
ich mit Euch wieder auf Expedition gehen!
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Text, Graphik und Photos: Bernhard Peter 2005
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