Bernhard Peter
Die Medrese Abdulaziz Khan in Bukhara

Zusammen mit der gegenüberliegenden Ulugh Begh Medrese bildet die Abdul Aziz Khan ein Kosh-Ensemble. Die Hauptfassade enthält einen großen Iwan und wird flankiert von zwei Türmchen mit durchbrochener Laterne, der NO-Turm mit Storchennest. Auf jeder Seite sind auf beiden Stockwerken jeweils drei Zellen-Achsen. Dabei ist nur der West-Trakt mit Schmuck versehen, der andere ist blankes Mauerwerk. Östlich und westlich der Eingangszone sind zwei überkuppelte Räume in den Ecken untergebracht.

Die Nordfassade, also die Haupteingangsseite, ist derzeit (2006) eingerüstet und wird restauriert. Es bleibt abzuwarten, wie weit das möglich ist, denn der Dekor ist arg in Mitleidenschaft gezogen. Der Pishtaq ist überreich verziert, Blumenvasen, florale und geometrische Elemente in allen möglichen Farben. Besonders fällt die mit Muqarnas gefüllte Halbkuppel im Eingangsiwan auf. Im 1. Stockwerk sind drei ebenfalls mit Muqarnas gewölbte Nischen.

Die Medrese ist relativ groß, fällt schon im Stadtgefüge der massive festungsartige Baukörper auf, so wird einem erst recht im Innenhof die Weitläufigkeit bewußt. Den doppelstöckig umbauten Innenhof umgeben vier Iwane. Die Ecken sind abgeschrägt und geben Zugang zu jeweils drei Studentenzellen. Rechts und links der Iwane sind an den Längsseiten jeweils drei Zellen angeordnet, an den Schmalseiten je zwei, wovon im Norden jeweils eine Achse einen Durchgang enthält, denn auch hier ist der Zugang von außen kein direkter, sondern spaltet sich auf, knickt zweimal und führt rechts und links des Iwans in den Hof. Die Ostseite hat eine niedrige Brüstung im 1. Obergeschoß, um eine breitere Fläche für Ornamente zwischen beiden Stockwerken zu haben. Es fällt auf, daß hier nur der Ost-Trakt noch reich verziert ist.

Der Nordiwan ist einfach rechteckig im Grundriß, schlank, zweistöckig mit umlaufendem Thuluth-Schriftband. Er hat zwei Bogenfelder.

Der Südiwan ist genauso schlank und zweistöckig, oben hat er zwei Zelleneingänge, unten gibt er Durchgang zu einem dahinterliegenden größeren Raum.

West- und Ost-Iwan haben eine polygonale Rückwand, von der aus wieder drei Türöffnungen weiterführen. Beide sind sehr breit und groß, insgesamt fast quadratisch eingerahmt. Die Rückwand hat ein zweites Stockwerk mit drei großen Bogenfenstern, hinter denen der Gang im 1. Obergeschoß verläuft. Beide Iwane waren früher mit einem reichgestalteten Muqarnas-Gewölbe in der Halbkuppel ausgekleidet, wovon nur das im Osten noch erhalten ist, wunderschön, vollständig, aber mit großen Rissen. Die gekehlten Prismen bilden auf jeder Stufe sternförmige Flächen. Der Ost-Iwan hat ein Bogenfeld mit herrlichen geometrischen Ornamenten mit viel Gold, Blau und Weiß, leider nur zur Hälfte erhalten. Die Seitenfelder haben vielfältige und überladen wirkende Ornamente, unten plastisch als Relief hervortretende Blumenvasen. Der Westiwan ist gänzlich schmucklos.

Im Süden führt der Iwan zu einem größeren Durchgang und dahinter zu einem kreuzförmigen Raum mit Netz-Stern-Gewölbe, dessen drei Nischen ebenfalls schöne Muqarnas enthalten. In der Westnische ist ein Mihrab. Alles war ehemals farbig gefaßt: Rot, blau, schwarz und weiß. Alle Muquarnas enden in einer sternförmigen Fläche unterschiedlicher Größe je nach Position im Gewölbe, die mit bunten Mustern bemalt ist.

Der Hof enthält eine rechteckig eingefaßte Vertiefung, in der Südwestecke ein alter Brunnenschacht mit geborstener Steinschale. Der Gesamteindruck ist ein gewaltiger, aber kein harmonischer. Zu viele unterschiedliche Proportionen verhindern das Zustandekommen eines Rhythmusses, zu unterschiedliche Dekorationen und Formen verwirren eher das Auge als daß sie es erfreuen. Es muß früher eine der exquisitesten Ausschmückungen gewesen sein, doch es bildet optisch kein geschlossenes Ganzes. Hier wird einem wieder die Regel bewußt, daß weniger manchmal mehr sein kann. Insgesamt ist das Ensemble dringend renovierungsbedürftig, was den disharmonischen Gesamteindruck noch verstärkt. In den ehemaligen Studentenzellen haben Souvenirläden und Kunsthandwerker Einzug gehalten.

Medrese Abdulaziz Khan - Photos (1) - (2)
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© Copyright Text, Graphik und Photos: Bernhard Peter 2006
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