Bernhard Peter
Das Kalon-Minarett in Bukhara

Synonyme: Kalon-Minar, Kalan-Minar, Kalyan-Minar, Kaljan-Minarett, Kalan-Minarett.

Das Wahrzeichen Bukharas ist dieses Minarett aus vormongolischer Zeit. 46.5 m hoch ragt es in den meist wolkenlosen Himmel über Bukhara, einst schon wie ein Leuchtturm weithin in der Wüste sichtbar und den Karawanen den Weg in die Handelsmetropole weisend. Und die Bedeutung des Wortes „Kalyan“ ist einfach „groß“. Es ist übrig geblieben von einer Freitagsmoschee, die unter Muhammad Arslan Khan (1102-1129), einem Karakhaniden-Herrscher am Anfang des 12. Jh. und Vasall des Seldschuken-Sultans Sanjar, errichtet wurde. Durch eine kleine Verbindungs-Brücke in Höhe der Mauerkrone ist das Minarett mit der heutigen Moschee verbunden ist, die aus timuridischer und shaibanidischer Zeit stammt und erst über 380 Jahre später vollendet wurde.

Es ist nicht das erste Minarett, aus dem 11. Jh. stammt der Vorläufer-Bau, dessen Laterne noch aus Holz war. Bei einer Belagerung brannte es ab. Ein weiterer Bau stürzte wegen ungenügender Fundamentierung ein. Das neue Minarett wurde in größerer Entfernung zur Zitadelle (Ark) und ganz aus Stein errichtet, es wurde 1127 vollendet. Ursprünglich war es wohl noch etwas höher.

Das Minarett folgt einer für Mittelasien und den Iran charakteristischen Bauform: Ein runder, steiler, sich nach oben verjüngender Turm, der durch eine mohnkapselartige Laterne gekrönt wird, aus Ziegeln gemauert. Sein Sockeldurchmesser beträgt mehr als 10m. Die allerunterste Basis ist polygonal. Der Zugang zur spiralförmig gewundenen Treppe erfolgt auf der Höhe der Mauerkrone der Moschee, mit der das Minarett durch eine bogenförmige Brücke verbunden ist. Die Laterne besitzt ringsum 16 Öffnungen mit Spitzbogenfenstern.

Das Minarett wird durch umlaufende Bänder geometrisch gesetzter Ziegel dekoriert, jeweils durch einen schmalen Streifen senkrecht gestellter Ziegel voneinander abgesetzt. Insgesamt sind es 14 Bänder unterschiedlicher Höhe und mit vielen unterschiedlichen Motiven. Und alles ist monochrom in Ziegelfarbe, die Wirkung wird allein durch die Art und Größe der Ziegelsetzung erzielt, wie beim Samaniden-Mausoleum. Einzige Ausnahme: Direkt unter den drei Reihen Muqarnas, die die Auskragung der Laterne bilden, verläuft ein schmales geometrisches Band, wo neben naturbelassenen gebrannten Ziegeln auch türkisblau und dunkelblau glasierte Ziegel verarbeitet wurden, eines der frühesten Beispiele in Zentralasien für die Verwendung von Farbe zur Außengestaltung von Bauwerken. Die heute dort vorhandenen Ziegel stammen von der Restaurierung 1924, die Original-Majolika-Teile liegen heute im Heimatkunde-Museum. Direkt unter diesem farbigen Band ist eine besondere Zone, denn die Ziegel bilden ein geometrisches Ornament auf der Basis achtzähliger Sterne.

Das Minarett ist trotz seines Alters in hervorragendem Erhaltungszustand. Nur einmal wurde die Laterne beschädigt, das war bei der Eroberung durch General Frunse im Jahre 1920.

Abb.: Ost-West-Schnitt durch das Ensemble um das Kalan-Minarett. Links im Osten der Eingangs-Iwan zur Mir-i-Arab-Medrese, rechts im Westen der Eingangsbereich der Kalan-Moschee. Der Blick nach Süden fällt auf das wuchtige Kalan-Minarett und die dahinter liegenden Gebäude jüngeren Datums.

Über den 16 Spitzbogen-Öffnungen der Laterne folgen insgesamt fünf Reihen von Muqarnas-Elementen, die wie Zahnräder übereinander liegen und die Auskragung bis zum obersten Abschlußgesims bilden, einfache gekehlte Prismen, die für einen kunst- und wirkungsvollen Abschluß nach oben sorgen, ein optisches Gleichgewicht zur Verjüngung des Turmes nach oben.

Das Minarett hat eine Reihe von zeitgenössischen „Brüdern“:

Ungeachtet der Funktion als Minarett, Symbol und Wahrzeichen ist mit diesen isoliert stehenden Türmen auch die Funktion als „Siegesturm“ verbunden, einige heißen sogar so.

Mit diesem Minarett ist auch eine weniger appetitliche Geschichte verknüpft, sozusagen ihre vierte Bedeutung: Der hohe Turm, mit 46.5 m der höchste der damaligen Stadt, eignete sich auch hervorragend als Richtstätte, um zum Tode Verurteilte in einen Sack zu stecken und von der Laterne herab in den sicheren Tod zu stürzen, eine Art der Hinrichtung, die bis ins späte 19. Jh. ausgeübt wurde (zuletzt 1884).

Das Kalon-Minarett, Kalon Minar - Photos
Andere Essays über usbekische Architektur lesen - Bukhara
Andere Essays über Usbekistan lesen - Literatur
Andere Länderessays lesen
Home

© Copyright Text, Graphik und Photos: Bernhard Peter 2006
Impressum