Bernhard Peter
Die Moschee Bibi Khanum in Samarqand

Zwischen Meisterleistung und Größenwahn
Die Masdschid-i Dschami, gen. Bibi Khanum-Moschee, in Samarqand, wurde unter Timur Lenk in den Jahren 1399-1404 errichtet (zeitlich nach seinem erfolgreichen Indien-Feldzug), als Freitagsmoschee geplant, eine der größten Moscheen der Welt. Als Masdschid-i Dschami ist es die Hauptmoschee der Residenzstadt Samarqand gewesen und damit religiöser Mittelpunkt des expandierenden Reiches. Und sie sollte alles in den Schatten stellen, was Timur bei der Eroberung fremder Länder gesehen hatte.

Gewaltige Dimensionen, insgesamt 8 Minarette, vier Iwane, 2 riesige Pishtaqs und drei weithin sichtbare leuchtende Außenkuppeln vereinigen sich zu einem Höhepunkt der timuridischen Architektur und der islamischen Architektur insgesamt, zu einem sichtbaren religiösen Mittelpunkt des jungen Weltreiches und zu einer einzigartigen Demonstration der Macht und des Anspruches seines Herrschers. Die Dimensionen sind fast titanisch zu nennen, Ausdruck einer monumentalen Baupolitik eines despotisch regierten Großreiches, das an seine Grenzen noch nicht gestoßen war, weder politisch noch architektonisch.

Gerade dieses Gebäude mag auch als Musterbeispiel des timuridischen Größenwahns in der Architektur gelten. Im ersten Entwurf war z. B. Timur das Portal nicht hoch genug, die verantwortlichen Baumeister Khodja Mahmud David and Muhammed Djeld mußten Timurs Unmut bitter büßen; der Gesandte Clavijo berichtet von einem Umbau des Portals in noch gewaltigeren Ausmaßen in sehr kurzer Zeit. Dabei ist alles außer den Steinsäulen und dem umlaufenden Marmorsockel aus gebrannten Ziegeln gebaut in traditioneller Mauertechnik.

Und trotz der gigantischen Größe ist das Konzept klar und übersichtlich geblieben, der Grundriß ist von klassischer Einfachheit, von schlichter Größe.

Abb.: So könnte sie einst ausgesehen haben: Rekonstruktionsversuch der Bibi-Khanum-Moschee in Samarqand

Eine der schönsten Moscheen weltweit
Zusammen mit ihrer einzigartigen Dekoration von Wänden, Tambouren, Kuppeln etc. mit kalligraphischen Elementen, Gerich-Ornamenten in Hazarbaf-Technik, Fayence-Mosaik, Terrakotta, Haft-Rangi und Marmorreliefs u.v.a.m. war sie einst eine der schönsten Moscheen weltweit. Hier verschmelzen die Beiträge der einzelnen Kulturen, persische und chinesische Einflüsse zu einem neuen Rausch der Farben und Sinne. Der bunte keramische Überzug scheint den vielen Tonnen von Ziegelmaterial die erdenlastende Schwere zu nehmen. Hieratische Schriftbänder künden von der Größe der Religion und des Reiches, komplexe Muster überziehen die Wände, als wären es Teppiche. Im Innern kamen vergänglichere Techniken wie vergoldetes Pappmasche etc. zum Einsatz.

Die Geburt eines neuen, „timuridischen“ Stiles
Die Freitagsmoschee ist auch sichtbares Ergebnis der Methode Timurs, gute Künstler und Bauwerker in den eroberten Ländern zu “sammeln“ und nach Verbringung in seine Hauptstadt für sich arbeiten zu lassen (Leiturgie-Prinzip) – ganze Teams Hunderter verschleppter Künstler aus Fars, aus Aserbaidschan, aus Hindustan etc. müssen an diesem gewaltigen Bauprojekt beteiligt gewesen sein, vor allem, um es in nur ca. 4 Jahren Bauzeit fertigzustellen.

Die Bibi Khanum-Moschee ist ein Meisterwerk, DAS Meisterwerk der timuridischen Baukunst, die Glanzleistung vieler Künstler unterschiedlichster Herkunft, die ihr künstlerisches Schaffen hier zu einem neuen Stil verschmolzen, die hier eine glückliche Synthese aus dem künstlerischen Schaffen aller von Timur unterworfenen Kulturkreise vollbrachten.

Abb.: Grundriß-Rekonstruktion der Bibi-Khanum-Moschee in Samarqand

Baubeschreibung eines titanischen Konzeptes
Außenmaße ca. 167 m x 109 m, umlaufende hohe massive Fassade mit 4 kleinen und schlanken Minaretten an den Ecken, wovon nur eines die Zeiten als Stumpf überdauert hat. Die Restaurierungskampagnen haben aber mittlerweile dafür gesorgt, daß der einstige Eindruck besser nachvollzogen werden kann.

Aus der Fassade weit vorspringender Eingangs-Pishtaq zwischen zwei gewaltigen Minaretten unbekannter Höhe (50m?), Spannweite des Portalbogens 19 m, Höhe des Eingangs-Pishtaqs ca. 33 m. In einer zweiten Nische stand einst das innere Portal aus Marmor, das einem Palasttor sehr ähnlich war. Der Iwan fiel erst 1897 einem Erdbeben zum Opfer, erstrahlt aber heute nach umfassender Restaurierung wieder fast in alter Größe und Pracht. Ein innerer Iwan öffnet sich auf den Hof und vollendet das Vier-Iwan-Schema.

Die beiden flankierenden Minarette sind interessanterweise von rundem Querschnitt auf dekagonalen Sockeln. Typisch für die timuridische Baukunst ist, daß die Minarette nicht wie früher in der ilkhanidischen Baukunst auf den Pishtaq, sondern als Weiterentwicklung dieses Stiles neben ihn gesetzt wurden, was dem Ganzen einen festungsähnlicheren Charakter gab.

Das zweite Monumentalbauwerk ist der Qibla-Iwan, der wie das Eingangsportal aus der Hoffassade vorspringt und von zwei hohen und gewaltigen Minaretten flankiert wird. Diese Minarette haben einen octagonalen Grundriß, behalten dieses Oktogon als Querschnitt bis oben bei und verjüngen sich nach oben, was den Eindruck von Schlankheit und Höhe noch optisch unterstreicht. Über ihren oberen Abschluß und die Gesamthöhe kann nur spekuliert werden. In der heutigen restaurierten Version enden sie knapp über dem Abschluß des Pishtaqs, mit Sicherheit nicht ihrer ursprünglichen Höhe entsprechend. Der Bogen des Iwans hat eine Spannweite von 18 m, die Höhe des Iwans ist ca. 30 m. Das Giebelfeld schmückt heute eine herrliche Thuluth-Kalligraphie, die rechts und links des Iwans hochrechteckigen Felder sind mit je vier übereinander angeordneten Spitzbogenfeldern verziert, die in Kufi den Schriftzug „Allahu akbar“ – „Gott ist über allem“ zeigen.

Das dahinter liegende überkuppelte Hauptgebäude der Moschee ist insgesamt 44 m hoch (Außenkuppel). Die Kuppel mit 18 m äußerem Durchmesser ist eine typisch timuridische Doppelschalenkuppel mit flacher Innenkuppel und hoher, melonenförmiger Außenkuppel auf Tambour. Der Kuppelraum selbst ist ca. 33 m hoch und hat eine Seitenlänge von 14 m über quadratischem Grundriß mit rechteckigen Seitennischen, von denen die nördliche und südliche in die angrenzenden Riwaqs führen und die westliche den mehrfach gestuften Mihrab birgt.

2 Kuppelbauten in der Querachse des Hofes mit hohen Iwanen, die die Anlage zum Vier-Iwan-Schema ergänzen (allerdings ist die Querachse bezüglich Dimensionen gegenüber der Längsachse unterprivilegiert), gedeckt mit leuchtend blauen Rippenkuppeln auf hohem Tambour. Diese Seitenbauten zitieren das architektonische Konzept der Qibla-Baueinheit: Hoher würfelförmiger Unterbau, davon abgesetzt niedrigere Zwischenzone, hier aber nicht quadratisch im Grundriß, sondern octagonal, hoher Tambour und leuchtend türkisfarbene Außenkuppel. Das Vorhandensein eines überkuppelten Raumes hinter dem Seiten-Iwan ist eine Weiterentwicklung und Modifizierung des klassischen Vier-Iwan-Schemas. Beide Seitenbauten sind ähnlich, aber nicht identisch. Ihre Pishtaqs springen nicht markant vor wie die beiden Haupt-Baukörper, sondern sie liegen praktisch in einer Flucht mit der Hoffassaden-Linie.

Gegenüber dem Eingangs-Pishtaq der Bibi Khanum befinden sich noch eine Madrasa und ein Mausoleum. Das Mausoleum, bis vor wenigen Jahren eine Ruine, erstrahlt inzwischen auch wieder in neuem Glanz, es ist perfekt restauriert worden und besitzt eine funkelnagelneue Doppelschalenkuppel auf hohem Tambour. Ein gedeckter Basar verband die Moschee einst mit dem Registan-Komplex.

Abb.: Rekonstruktion des Grundrisses mit Fachbegriffen

Einst weitläufige überkuppelte Hallen
Der ausgedehnte rechteckige Sahn (Hof) maß ca. 64 m x 80 m (Literaturangaben differieren!). Überkuppelte Hypostyl-Arkaden (Riwaq) um den Hof mit tiefen Galerieräumen auf insgesamt ca. 480 Steinsäulen, jede „sieben Ellen“, also ca. 4 m hoch, aus grauem Marmor oder Granit. Manche von ihnen wurden zwischen den Trümmern in dem weitläufigen Gelände aufgefunden, sie sind zum Teil mit umlaufenden Kalligraphiebändern verziert. Früher deckten wahrscheinlich insgesamt 400 Kuppeln die weitläufigen Gebetshallen. Die Hallen waren auf der Qibla-Seite 9 Joche tief, auf den drei anderen Seiten je 4 Joche tief. Heute sind diese Hallen verschwunden, wenige Reste künden von einstiger Pracht. In den einstigen Hallen liegen unzählige verwitterte Säulenbasen herum. Keine einzige Säule befindet sich mehr an ihrem ursprünglichen Platz. Niedrige Grundmauer-Reste kennzeichnen den Platz der den Hof umgebenden Arkadenstellungen aus Mauerwerk, heute sind sie alle auf unter 1 m hoch restauriert. Statt der einstigen Gebetshallen spenden alte Bäume rings um das Qur'an-Pult in diesem weitläufigen Areal ein wenig Schatten, das durch das Fehlen der Hallen ein wenig zu groß geraten wirkt und die vier Kernbauten etwas verloren und zusammenhangslos in der rechteckigen Umfassungsmauer stehen läßt.

Der Name einer Lieblingsfrau
Die Moschee wird „Bibi-Khanum“ (auch Bibi-Khanym, Bibi-Chanym, Bibi-Khanim) zum Andenken an Timurs Lieblings-Gemahlin genannt, Saray Mulk Khanum, einer Tochter eines seiner Tschagatai-Marionetten-Khane, die Timur zur formalen Legitimation seiner Herrschaft über Transoxanien im Jahre 1364 eingesetzt hatte. Gern erzählte Legenden ranken sich um eine Affäre voller Zuneigung zwischen ihr und dem obersten Baumeister.

Wurde hier einst einer der fünf Uthman’schen Qur’ane gelesen?
Im Zentrum des Hofes ist ein gigantischer steinerner Qur’an-Ständer. Er hätte locker einem Buch mit 2 m hohen Seiten Halt bieten können. Ein solcher gigantischer Qur'an befindet sich heute im Museum östlich des Registans, mit insgesamt 32 Seiten, jeweils in einen Holzrahmen eingespannt, nicht schön, aber gewaltig.

In diesem Zusammenhang sei an die ältesten erhaltenen Qur’an-Niederschriften erinnert, von denen eine lange Zeit in Samarqand war und heute in Taschkent (Bibliothek neben der Madrasa Barak Khan, Amt des Muftis von Usbekistan) aufbewahrt wird. Eine ähnlich alte Niederschrift befindet sich übrigens in Istanbul. Sie gelten der muslimischen Legendenbildung nach, die die Entstehung der qur’anischen Niederschrift gerne simplifiziert, als zwei der fünf Exemplare des Qur’ans von Uthman ibn Affan, dem 3. Kalifen, der eine einheitliche Fassung des Qur’ans autoritativ editierte und alle anderen Varianten vernichten ließ und seine von ihm selbst herausgegebene Fassung zur alleingültigen bestimmte und Exemplare davon in die wichtigsten Städte seines Reiches sandte. Das Medina-Exemplar der fünf Uthman’schen Qur’an-Exemplare soll über Kufa (Iraq) und Timurs Eroberungszüge nach Samarqand gelangt sein. Sogar ein Blutfleck wird vorgewiesen, der von Uthman stammen soll, der dieses Buch lesend ermordet wurde. Soweit die hübsche Legende. Nach dem kufischen Schrifttypus (ohne Punkte und diakritische Zeichen!) werden beide Exemplare von heutigen Wissenschaftlern aber eher in das 9. Jh. datiert, also ca. 150-200 Jahre später als die Uthman’schen Exemplare. Wie auch immer, in Samarqand wurde über viereinhalb Jahrhunderte lang eines der weltweit ältesten Qur’an-Exemplare aufbewahrt, im Alter nur übertroffen von den Fragment-Funden in Sana’a (Jemen). Nach der Eroberung von Samarqand im Jahre 1868 verbrachten die Russen das Exemplar nach St. Petersburg. Erst 1924 kam es über Umwege zurück nach Usbekistan und wird seitdem in Taschkent aufbewahrt.

Abb.: Grundriß der Bibi-Khanum-Moschee in Samarqand als Ruine, Mitte 20. Jh.

Dauerbaustelle Bibi Khanum
Die Moschee war zu monumental geplant, denn sie begann schon vor ihrer Vollendung wieder zu zerfallen, das Gewicht der enormen Ziegelmassen war zu groß für den Unterbau, insbesondere in dem erdbebengefährdeten Zentralasien. Die reine Vergrößerung der Dimensionen unter Beibehaltung der althergebrachten Ziegelmauertechnik und die hastige Bauweise innerhalb kürzester Zeit (tragende Mauern wurden unter dem Druck Timurs, möglichst schnell seine Hauptstadt mit repräsentativen Gebäuden zu schmücken, zu schnell hochgezogen) schufen mehr Probleme als sie lösten. Schnell durchzogen Risse die gewaltigen gewölbten Spannweiten, ganze Ziegelmassen neigten sich zur Seite, Spannungen und tonnenschwere Lasten spalteten den Ziegelverbund. Bereits im 17. Jh., wenn nicht schon früher, war sie unbrauchbar und wurde in ihrer Funktion als Freitagsmoschee durch die Tillja Kari Medrese/Moschee ersetzt.

In der Mitte des 20. Jh. war die Bibi Khanum von selbst zu einer malerischen Ruine zerfallen: Alle Säulenhallen waren eingestürzt, die Umfassungsmauer nur in Ansätzen noch vorhanden, alle drei Außenkuppeln zerfallen, die Bögen des Eingangs-Pishtaqs eingestürzt, der des Qibla-Iwans stark beschädigt. Inmitten eines Trümmerfeldes standen nur noch die vier massiven Baublöcke, und auch diese schwerst beschädigt, aber immer noch majestätisch. Die seitlichen Durchgänge der Kuppelräume waren bis auf einen schmalen tunnelartigen Durchgang sekundär vermauert, um einen Einsturz der durch schwerwiegende Risse beschädigten Wände darüber zu verhindern. Dies erwies sich schon bald nach der Erbauungszeit als notwendig, wie die Verkleidung mit Dekorziegeln zeigt. Von den vier Außenminaretten waren nur von dem in der NW-Ecke nennenswerte Reste vorhanden.

Die Restaurierung ist seit Jahrzehnten eine „never ending story“. Mit unendlichem Aufwand wurden inzwischen die Hauptbauten wiederhergestellt, soweit das gefundene Material eine Rekonstruktion erlaubte, wurde die rechteckige Außenmauer mit den vier Seitenportalen wieder errichtet, wovon an zweien derzeit noch kräftig gearbeitet wird, wurden die drei leuchtend türkisblauen Kuppeln auf ihren Tambouren wiederhergestellt, wurden die vier Eck-Minarette wieder bis kurz über die von umlaufenden Muqarnas getragene Auskragung in die Höhe geführt, wurde die aufwendige Dekoration in mühsamer Kleinarbeit ergänzt, wo möglich. Die Schicht aus Dekorziegeln überzieht das Bauwerk wie eine Haut, in der modernen Restaurierung wird es mit etwas Abstand auf einem Baustahlgerüst befestigt, wonach der Zwischenraum mit Mörtel gefült wird, so erreicht man eine gewisse Unabhängigkeit von dem tragenden Mauerwerk mit seinen klaffenden Spalten und Rissen. Die glatte und fast zu perfekte Außenhülle des Hauptgebäudes täuscht ein wenig - betritt man durch die seitlichen tunnelartigen Eingänge den Kuppelraum selbst, sieht man die gewaltigen Setzrisse im Mauerwerk, notdürftig mit Zement und Ziegelmauerwerk verschlossen, nimmt man wahr in welchem Ausmaß die Innenkuppel ergänzt wurde, um den Raum wieder zu schließen. Der Eingangs-Iwan ist ebenfalls wieder komplett geschlossen, der Pishtaq wiederhergestellt, die Ornamente bis auf das Giebelfeld sind sinngemäß ergänzt. Die ihn flankierenden Türme sind ergänzt und enden mit dem Pishtaq-Abschluß.

Abb.: Grundriß der Bibi-Khanum-Moschee, Zustand 2006.

Und die Bibi-Khanum ist auch heute immer noch eine gewaltige Baustelle, nie wirklich fertig. In der Nordwestecke liegen die Schuppen der "Bauhütte", und auch der Südostbereich ist heute vermauert und abgetrennt. Neben dem Hauptbau ist im Norden noch eine Lücke in der Außenmauer für Baustellenfahrzeuge. Die einstigen Riwaq muß man sich vorstellen, zwar sind die ganzen Konsolen in den Außenmauern ergänzt, sind die den Hof umgebenden Grundmauern auf eine geringe Höhe restauriert, kann man an den Außenmauern den etwaigen Verlauf der Gewölbe nachvollziehen, doch nach wie vor steht in dem Bereich keine einzige Säule, und ein Chaos von verwitterten Säulenbasen füllt die Freiflächen. Vermutlich wird die Moschee ebenso wie der Kölner Dom eine Dauerbaustelle bleiben, denn auch heute noch sorgen die Beanspruchungen durch die extremen klimatischen Unterschiede in Sommer und Winter dafür, daß neue Fliesen wieder abplatzen, die nagelneuen Kuppelverkleidungen wieder Schmuckkacheln verlieren, dazu machen weitere Setzrisse den Restauratoren das Leben schwer.

Trotz allem - die Bibi Khanum ist und bleibt eines der gewaltigsten, bedeutendsten und beeindruckendsten Bauwerke aus timuridischer Zeit. Und obwohl sie ein Bauwerk zwischen stetem Werden und Vergehen ist, zwischen Verfall und Restaurierung, ist es auch ein idyllischer Platz, insbesondere gegen Morgen, wenn im Schatten der geometrisch verzierten Mauern und der Markt zu brodeln beginnt und die Minarette noch lange Schlagschatten werfen, oder abends, wenn die Wände von der untergehenden Sonne vergoldet werden und die glasierten Kacheln der Inschriften zu spiegeln anfangen und die Flächen in eine unwirkliches Licht tauchen, während mit lautem Geschrei unzählige Vögel nach Schlafplätzen im alten Gemäuer suchen und obendrüber noch die Mauersegler jagen.

Ikonographisches Programm: Geometrisches Kufi
An diesem Meisterwerk timuridischer Kunst ist ein reiches kalligraphisches Programm zu sehen. Praktisch jede größere verfügbare Fläche ist mit Inschriften aus schräggestelltem quadratischen (oder geometrischen) Kufi gefüllt. Dieses geometrische Kufi hat ein Höchstmaß an Abstraktion, reduziert die Buchstaben auf einfache verbundene Winkel, Striche und Quadrate, kommt ganz ohne diakritische Zeichen aus und verzichtet sogar – bis auf wenige Ausnahmen, auf die unterscheidenden und damit bedeutungstragenden Punkte. Dazu kommt, daß die Einhaltung einer symmetrischen und für den unendlichen Rapport geeigneten äußeren Form sowie die Erzeugung gleichmäßiger Abstände Pflicht ist, damit es von fern gut sichtbar ist und das Auge als Überzug der Fläche erfreut. Unter diesen Rahmenbedingungen ist es natürlich hinsichtlich der Lesbarkeit nicht sinnvoll, ein individuelles Gedicht zu nehmen. Viel sinnvoller ist es, Standard-Formeln des Glaubens zu nehmen, die jeder Muslim kennt und vor allem auch in noch so großer Abstraktion erkennt. In Frage kommen daher typischerweise Glaubensbekenntnisse, Lobpreisungen Allahs, eine Auswahl aus den 99 schönsten Namen Allahs, Formeln aus dem Tasbih.

An dem Hauptbau der Bibi Khanum kann man ringsum folgende Inschriften unterscheiden:

Am zweitwuchtigsten Bau, dem Eingangsbereich der Bibi Khanum, kann man folgende Kufi-Inschriften differenzieren:

Die Moschee Bibi Khanum - Photos (1) - (2) - (3) - (4) - (5) - (6) - (7) - (8) - (9) - (10) - (11)
Fachbegriffe der usbekischen Architektur - Fachbegriffe der Dekorations-Techniken
Andere Essays über usbekische Architektur lesen - Samarqand
Andere Essays über Usbekistan lesen - Literatur
Andere Länderessays lesen
Home

© Copyright Text, Graphik und Photos: Bernhard Peter 2006
Impressum