Bernhard Peter
Wenn die Welt aus dem Lot gerät:
Die Avatare Vishnus

Vishnu ist einer der drei männlichen Hochgötter des hinduistischen Pantheons, bildet zusammen mit Shiva und Brahma die Dreieinigkeit Trimurti. Vishnu gilt als der Welterhalter, der Erhalter des Lebens und des Kosmos mit allen seinen Welten. Vishnu hat die Aufgabe, Götter und Menschen zu behüten und alles Böse zu bekämpfen. Herr der Welt, Gatte der Lakshmi, der Göttin für Glück und Schönheit. Darstellung mit dunkelblauem oder schwarzem Körper und 4 Armen, in den Händen seine Attribute Keule, Muschelhorn, Diskus bzw. Lichtkranz als Symbol der Sonne und Lotusblüte. Mal sitzt er auf einem Lotus, mal ruht er er im Milchozean auf der Schlange Ananta, zu seinen Füßen Sri Lakshmi, während aus seinem Nabel eine Lotusblume entsprießt, auf der Brahma sitzt. Vishnu half den guten Göttern, den Suras, die schlechten Götter und die Gegenspieler der Suras, die Asuras, zu besiegen. Sein Reittier ist Garuda. Gemeinsam mit Shiva gehört Vishnu zu den wichtigsten und meist verehrtesten Göttern im Hinduismus.

Vishnu soll den Dharma hüten, die göttliche Weltordnung. Diese Aufgabe kann er nur erfüllen, indem er rettend eingreift, wenn die Welt mal wieder aus dem Gleichgewicht gerät. Dazu verkörpert er sich und steigt als Avatara auf die Erde herab, um Retter der Welt helfend einzugreifen und das Gleichgewicht wieder herzustellen. In diesem Sinne wurden auch bestimmte herausragende religiöse Gestalten zu seinen Avataren erklärt. Es gibt insgesamt 10 bekanntere Avatare, jeder von ihnen kämpfte auf seine Weise für die Wiederherstellung des Weltengleichgewichtes, nachdem es gestört war. Und damit sie ihrem Gatten auch dann nahe sein kann, steigt manchmal auch seine Gattin Lakshmi herab und verkörpert sich in der Gefährtin des jeweiligen Avataras.

Nun sollen die einzelnen Avatara und die jeweils zugehörigen Geschichten vorgestellt werden:

1. Matsya (gehörnter Fisch) Nach der Zerstörung durch Hayagriva rettete dieser gehörnte Fisch die Welt. Hayagriva war ein Dämon, der die Veden stahl, die aus Brahmas Mund strömten. Weil die Veden aber lebenserhaltend waren, wurde die Welt zerstört. Matsya trat gegen die Sintflut an – er erschien dem König Satyavrata (oder auch Manu) und seiner Familie. Als winziger Fisch ließ er sich fangen und wuchs unermeßlich, so daß er ständig in größere Gefäße umgesetzt werden mußte. Er warnte den Satyavrata, daß in 7 Tagen Erde, Luftraum und Himmel im Ozean der Auflösung untergehen würden, daß er ein Boot zusammen mit sieben Weisen und allen Arten von Pflanzen, Samen etc. besteigen solle. So geschah es. Satyavrata konnte das Boot an dem Horn des gehörnten Fisches festbinden, als Seil benutzte er den Schlangenkönig Vasuki. Der große Fisch zog das Boot zum Himalaya, der noch aus den Fluten herausragte. Als das Wasser sank, hatten nur die Insassen des Bootes überlebt. Satyavratu-Manu wurde zum Urvater einer neuen Menschheit, und aus den Samen und Pflanzen entsproß eine neue Natur. Diese Legende hat Analogien zur biblischen Sintflut, und wie Noah entkam Satyavrata den Fluten mit einer Arche, besetzt mit den Tieren der Erde und den Vögeln der Lüfte.
2. Kurma (Schildkröte) Einst verloren die Götter aufgrund eines Fluches ihre Jugend. Sie wurden runzlig und bekamen graue Haare. Vishnu wußte Rat: Allein der Trank Amrata (Todlosigkeit) könne helfen, er sei aber sehr schwer zu gewinnen, denn er müsse aus dem Milchozean gewonnen werden. Alleine würden es die Götter nicht schaffen, deshalb wurde ein Waffenstillstand mit den Dämonen (Asuras) vereinbart, und gemeinsam quirlten sie den Milchozean. Wie quirlt man einen Ozean? Als Griff wurde der Berg Mandara genommen, als Stab die Schlange Vasuki. Aber der Berg war ohne Stütze und sackte nach unten weg. Daraufhin nahm Vishnu die Gestalt einer Schildkröte an, tauchte in den Milchozean und nahm den Berg Mandara auf ihren Rücken, während die Götter das Meer quirlten und das Lebenselixier gewannen. Insgesamt kamen im Laufe der Quirlung 13 Schätze zum Vorschein, darunter die Göttin Sri Lakshmi, der Ayurveda-Arzt Dhanvantari mit dem Lebenselixier in der Hand etc. So rettet die Schildkröte die komplizierte Gewinnung des Elixiers, das den Göttern und damit der Welt den Fortbestand sichert.
3. Varaha (Wildeber) Die Asuras Hiranyakasipu und sein Zwilling Hiranyaksa hatten die Erde einer brutalen Tyrannei unterworfen, nachdem ihnen Brahma zugesichert hatte, daß niemand ihnen im Kampfe ebenbürtig sein solle. Das stieg den Zwillingsdämonen zu Kopfe. Irgendwann reichte ihnen der Terror auf der Erde nicht mehr, den sie veranstalteten, sondern Hiranyaksa erschien mit der Keule in der Hand im Himmel und forderte die Götter zum Duell, die sich aber versteckt hielten. Daraufhin sprang der Dämon ins Meer, traf dort Varuna und forderte diesen heraus. Der antwortete geschickt, nur Vishnu könne es mit ihm aufnehmen. Vishnu hatte unterdessen die Gestalt eines Wildebers angenommen. Der Eber rettete zuerst die Weltauf seinen Hauern aus der Welt der Tiefe an einen sicheren Ort, dann kam es zu einem fürchterlichen Zweikampf zwischen beiden. Schließlich flüsterte Brahma dem Eber, wie der Dämon zu besiegen sei. Der Eber traf daraufhin den Dämon mit den Vorderläufen am Ansatz der Ohren, der Dämon brach zusammen, die Welt war wieder einmal gerettet.
4. Narasinha (Mannlöwe) Der Zwillingsbruder des vom Wildeber getöteten Dämonen Hiranyaksa, Hiranyakasipu, wollte nun Herr der Welt werden. Durch Askese und Selbstkasteiung sammelte er magische Energie (tapas). Brahma gewährte ihm daraufhin folgende Wünsche: Kein Wesen der Schöpfung könne ihn töten, ihn werde der Tod weder durch einen Menschen noch durch ein Tier ereilen, weder im Hause noch außerhalb des Hauses, weder bei Tage noch bei Nacht. Als der Dämon sich so mächtig wähnte, daß er keinen anderen Herrn der Welr mehr anerkennen wollte, war er "reif": Der Eingangspfeiler seines Hauses spaltete sich, heraus trat Vishnu in Gestalt eines Mannlöwen: Löwenhaupt, Löwenpranken, Menschenunterleib. Der Dämon wurde zerfleischt - auf der Schwelle des Hauses zwischen drinnen und draußen, bei Abenddämmerung zwischen Tag und Nacht, durch ein Wesen zwischen Mensch und Tier. Der Mannlöwe rettete die Welt vor einem dämonischen Herrscher, der die Herschaft der Götter nicht mehr anerkennen wollte.
5. Vamana (Zwerg) Kämpfte gegen den Asura Bali oder auch Mahabali. Bali war der Enkel des vishnugläübigen Dämonen Prahlada. Bali regierte einst Himmel und Erde. Diese Herrschaft bedrückte die Göttermutter Aditi, die für ihre eigenen Kinder keine Chancen mehr sah in einer Welt, die von Dämonen regiert wird. Aber dann wurde die Welt von ihm befreit, der Retter des Gleichgewichts war Vishnu in Form des Avatara Vamana (der Zwerg). Vishnu versprach der Göttermutter Aditi, als ihr eigener Sohn geboren zu werden. Dieser wurde aber ein Zwerg. Als der Dämon Bali gerade ein Pferdeopfer vollzog, erschien der inkarnierte Vishnu in Form des Zwerges vor ihm, gekleidet wie ein Zeremonialbrahmane. Nach seinem Begehren gefragt, erbat dieser von Bali soviel Land für sich, wie er mit drei Schritten erreichen könnte. Kaum war die Bitte gewährt, nahm der Gott dann seine große Gestalt wieder an. Mit dem ersten Schritt überspannte er die Erde, mit dem zweiten den himmel, mit dem dritten Schritt trat er den Dämonen Bali in die Unterwelt (patala). Seitdem gebietet Bali über die Unterwelt, und die Welt und der Himmel sind von Dämonenherrschaft befreit.
6. Parashu-Rama,
Parasurama
Rama mit der Axt
Parashu-Rama kämfte gegen die Herrschaft der Kshatriyas (Kriegerkaste). Die Brahmanen waren die Hüter der Spiritualität und Vermittler zwischen Menschen und Götter. Die zweite Kaste, die Kshattriyas, waren die Kriegerkaste, welche die politische und militärische Macht im Lande hatten. König Kartavirya-Arjuna piesackte den Brahmanen und Einsiedler Jamadagni. Parasurama, Vishnus Inkarnation als jüngster Sohn des Einsiedlers, rächte die Missetaten des Kshattriya-Königs. Er erschlug alle Soldaten mit der Axt und auch den König selbst und nach dem späteren Mord an dem Einsiedler auch die Söhne des Königs, die die Untat begangen hatten. Die Geschichte zeigt, daß die Welt trotzdem der Willkür der Kriegerkaste nicht hilflos ausgeliefert ist.
7. Rama-Chandra Held des Ramayana. Um 2500 v. Chr., gegen Ende der zweiten Weltphase war Ravana ein zehnköpfiger Dämonenfürst auf der Insel Lanka (Sri Lanka). Durch eiserne Askese hatte er sehr viel magische Energie angesammelt, die ihm große Macht verlieh, so daß die Welt in Ungleichgewicht geriet. Sogar die Götter bekamen es mit der Angst zu tun und baten Vishnu, sich des Problems anzunehmen. Vishnu inkarnierte sich als Rama, um die Welt von dem Dämonen zu befreien. Verheiratet mit Sita, die ihm von Ravana entführt wird. Sohn des Dasaratha, Halbbruder des Lakshmana, des Satrughna und des Bharata. Kämpft im Ramayana gegen den Rakshasa-Asura Ravana, wobei ihm Hanuman mit seiner Affenarmee sowie Jatayu und Sampati helfen.
8. Krishna göttlicher Held und Krieger im Kampf gegen Kamsa und die Kauravas, Gottheit der Bhagavadgita, Lehrer des Mahabharata-Helden Arjuna. Um 1500 v. Chr. Sohn des Vasudeva und der Devaki, aber von Yashoda aufgezogen. Gleich nach seiner Geburt wurde er einer Familie von Kuhhirten (Nanda und Yasoda) übergeben (um genau zu sein: gegen das dort soeben zur Welt gekommene Mädchen ausgetauscht), um ihn vor dem bösen König Kamsa zu verstecken, der gelobt hatte, ihn zu töten. Er wuchs als Kuhhirte auf, was auch in vielen bildlichen Darstellungen anklingt. Es gibt viele Krishna-Vorstellungen, z. B. Krishna als der blauhäutige, flötenspielende Hirtengott, als „mutwilliger“ Knabe, als stattlicher Jüngling, Krishna als oberster Herr des Universums, Krishna als Gott der Kuhherde oder - die bedeutendste Verkörperung - als Kriegsheld, Vetter und Begleiter der Pandawas bei ihrem Kampf gegen die Kauravas in der Mahabharata. Gatte der Rukmini. Es gibt unendlich viele Heldengeschichten über Krishna, die hier jeden Rahmen sprengen würden.
9. Gautama Buddha Kämpfte gegen den Religionsverfall, lehrte Raja-Yoga (Meditation). Um 500 v. Chr. Hier wird der ganz und gar nicht vishnuitische Gautama Buddha nominell dem Gott Vishnu untergeordnet, indem er zu einem „Vishnu-Avatar“ erklärt wurde. Eine ähnliche Situation gibt es umgekehrt bei den Mahayana-Buddhisten. Dort wurde der Avatar Rama kurzerhand zu einem „Bodhisattva“ erklärt und so in das Glaubensgefüge integriert.
10. Kalki(n) Kämpft gegen Dämonen und böse Menschen. Dieser Avatara ist noch nicht erschienen und zukünftig, wenn am Ende des Zeitalters Kaliyuga die Lobpreisungen der Götter verstummen und keine vedischen Mantras mehr zu hören sind, wenn die Angehörigen der Kasten ungläubig werden, wenn die Dienerkaste die Könige stellt. Kalkin wird im Ort Sambhala zur Welt kommen und in eine Brahmanenfamilie geboren werden. Er ist mit einem Skimitar bewaffnet und reitet ein weißes Roß. Er hat vier Arme. Eine Hand zeigt ein Mudra, die Darlegungsgeste (Vitarkamudra). In den drei anderen Händen hält Kalkin das Skimitar-Schwert, das Vishnu-Attribut des Muschelhornes sowie den Diskus oder das Rad. Er wird das Böse ausrotten und die Guten belohnen, die Konten des Karma ausgleichen. Er ist ein apokalytischer Avatara und wird das gegenwärtige Zeitalter beenden und sich auf den Wassern schlafen legen. Er wird wieder Brahma hervorbringen, der eine neue Welt inaugurieren wird. Dann wird ein neues Krtayuga anbrechen.

Betrachten wir einmal detaillierter, welche Rolle die Tiere in dieser Reihe der Avataras spielen: Viermal kommt der Hochgott als Tier auf die Welt, und alle vier Mal im Krtayuga, dem ersten Weltzeitalter. Danach kommt er nur noch in Form menschlicher Helden auf die Erde, um rettend einzugreifen. Und diese vier Tiere haben in sich auch eine Entwicklung: Fisch - Schildkröte - Eber - Mannlöwe, das zeichnet die Entwicklung vom Wassertier zum amphibischen Tier zum Landtier zum halbanthropomorphen Wesen nach, eine evolutorische Aufwärtsbewegung.

Fisch, Schildkröte und Eber sowie Mannlöwe scheinen ferner schon in Frühzeiten verehrte Wesen zu sein, eine Art Tiergottheiten, die auf diese Weise in die Hochreligion aufgenommen wurden.

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Lexikon der hinduistischen Mythologie:
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